DU MUSST DAS NICHT ALLEINE TRAGEN

Kürzlich kamen mir in einer Atemreise die Tränen, als sich eine so berührende Präsenz vor mir auftat und sagte: „Du musst das nicht alleine tragen.“ Mit dieser Aussage und der Geborgenheit, die mich dabei durchströmte, wurde mir bewusst, wie sehr ich tatsächlich sehr oft glaube, mit allem alleine sein zu müssen.

Später, als ich über das Erlebnis reflektierte, wurde mir klar, dass ich damit nicht bloss auf eine individuelle Thematik gestossen bin, sondern auf eine kulturelle.

Eigenständigkeit in einer isolierenden Form ist einer der höchsten Ansprüche, die wir in unserer Kultur aneinander stellen. Jede*r muss jederzeit alles alleine können. Auf die Unterstützung anderer angewiesen zu sein, wird als Abhängigkeit gesehen, die es zu vermeiden gilt.

Dass Hilfsbedürftigkeit als Schwäche gesehen wird, trifft offensichtlich alle Gruppen unserer Gesellschaft hart, die unausweichlich auf Unterstützung angewiesen sind. Aber bei genauerer Betrachtung trifft es uns alle, weil wir dadurch verlernen, Hilfe zu suchen, anzunehmen und zu geben. Wir vereinsamen, leiden jede und jeder für sich unter unseren Lasten, halten es für schwach, uns helfen zu lassen – obwohl so vieles leichter sein könnte, wenn sich unser Bezug zu diesem Thema verändern würde.

Doch wie soll man anfangen? 

Erst mal mit der Bewusstwerdung darüber, dass es sich hier um eine ungesunde kulturelle Prägung handelt – und nicht um eine objektive Wahrheit. Wir sind nicht schwach, wenn wir Hilfe brauchen. Hilfe anzunehmen kann tatsächlich genau so schön sein, wie welche zu geben.

Manchmal fällt es erst leichter, Unterstützung ausserhalb von menschlichen Beziehungen anzunehmen. Geh dafür nach draussen und such dir zum Beispiel einen Baum, der dir Sicherheit und Geborgenheit vermittelt. An ihn kannst du dich anlehnen, ihm erzählen, was dich belastet, und fragen, ob er dich eine Weile halten und tragen kann. Dann schliess die Augen und fühle, was passiert.

Und nach dieser positiven Erfahrung magst du dich vielleicht auch einem Menschen in deinem Umfeld etwas weiter öffnen und herausfinden, ob du da eine ähnliche Erfahrung machen kannst.

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ES IST OKAY, ANGST ZU HABEN