IST UNS ETWAS VERLOREN GEGANGEN?
Über die letzten zehn Jahre hat sich die Welt sehr verändert. Sie ist lauter geworden, schneller und vor allem unpersönlicher. Social Media hat uns versprochen, uns alle näher zusammenzubringen - stattdessen fühlen sich viele Menschen noch einsamer.
Etwas ist uns verloren gegangen - das empfinden viele so.
Aber was genau?
Dass sich so viele Menschen einsamer fühlen, obwohl wir heute viel mehr Kontaktmöglichkeiten haben, macht eines klar: Es geht nicht vorrangig um die Menge an Kontakten, sondern um die Qualität.
Und aber was macht Qualität aus? Ist es vielleicht wichtig, nur noch Begegnungen in der "echten Welt" zu machen, Menschen ausschliesslich wieder offline zu treffen, dem Internet den Rücken zu kehren?
Ein kurzer Rückblick hilft uns vielleicht, diese Frage zu klären. Das Internet gab es schon lange vor dem algorithmischen Social Media. Es war ein Ort, an dem spannende Dinge wie Wikipedia entstanden - und Foren, in denen Menschen mit seltenen Interessen Gleichgesinnte finden und sich austauschen konnten. Kaum jemand hätte damals gesagt, dass Online-Kontakte weniger qualitativ seien. Im Gegenteil. Viele Menschen konnten sich online zum ersten Mal mit Menschen austauschen, die sie wirklich verstanden und hatten auch den Mut sich auf diesem Weg noch tiefer und roher zu zeigen. Eine heilsame und konstruktive Form von Kontakt war da.
Dann kam Social Media - erst Facebook, dann Instagram - und baute auf diesem Vernetzen auf. Menschen konnten sich begegnen und austauschen, nun aber auf zentralen Plattformen mit immer klareren Geschäftsinteressen. Daraus entstand die Aufmerksamkeits-Ökonomie, wie wir sie heute kennen. Und da sich mit Angst und Kontroverse mehr Aufmerksamkeit gewinnen lässt als mit Authentizität und echter Nähe, sind wir mit Social Media dort gelandet, wo wir heute stehen.
Was uns verloren gegangen ist, sind demnach nicht primär nur Offline-Kontakte, sondern generell das Erkennen und Leben von Kontakten mit hoher Qualität. Und wenn wir diesen wieder in unser Leben bringen möchten - vielleicht sogar stärker als je zuvor - dann müssen wir verstehen, was Qualität eigentlich ausmacht.
Qualitativer Kontakt ist eher ruhig und unaufdringlich. Im Vergleich zu dem Kontakt, den wir aus der Aufmerksamkeits-Ökonomie gewohnt sind, wirkt er anfangs vielleicht sogar anstrengend. Denn qualitativer Kontakt lebt davon, dass wir uns wirklich einlassen - dass wir uns berühren und bewegen lassen. Es ist kein reines Konsumieren, sondern ein Zulassen von Berührung.
Das macht nur dort Sinn, wo diese Berührung auch etwas Konstruktives bewirkt. Dort, wo das, was wir hören, lesen oder in Gesprächen teilen, mit Achtsamkeit und Ehrlichkeit geformt ist. Wo es nicht nur an der Oberfläche bleibt, sondern in die Tiefe geht. Wo echte Begegnung und echtes Interesse an Wachstum und einem Miteinander vorhanden sind und nicht die egoistische Absicht, etwas vom Gegenüber zu bekommen, sich zu bereichern oder sich auch einfach nur „zeigen zu wollen“, sodass entweder Einseitigkeit entsteht oder sogar eine toxische Tendenz.
Das heißt: Eine achtsame Selektion der Medien und Menschen ist notwendig, mit denen wir in Kontakt treten. Das betrifft den privaten Umkreis genauso wie die Verfasser*innen von Büchern, die Podcasts und Newsletter, die wir hören oder lesen, und die Accounts, denen wir folgen.
Mit dieser Selektion lässt sich die Überschwemmung an Input reduzieren.
So entsteht Raum, sich wirklich auf das einzulassen, was wir bewusst wählen. Offline und online. Dieses Gefühl aus den frühen Jahren des Internets - dass sich Tore öffnen und wir mit Menschen verbunden sind, die uns wirklich verstehen, inspirieren und weiterbringen - lässt sich auch heute noch finden. Es liegt, ganz selten noch, aber oft leider nur nicht mehr im endlosen Feed der großen Plattformen.
Es liegt in bewusst ausgewählten Medien - in liebevoll gesprochenen Podcastfolgen, in achtsamen Blogeinträgen, mit Hingabe geschriebenen Texten, in sorgfältig gewählten YouTube-Videos. Es liegt hier in diesem Wochenimpuls - und in den Räumen die wir in unserer Arbeit öffnen.
Es liegt aber auch in Büchern und Waldspaziergängen, im Kochen und Essen mit Freunden, im Zusammensein mit deiner Familie, im Bestaunen eines Sonnenuntergangs und dem Gefühl von kühl prickelnden Wind auf deiner Haut - und in allem, was mehr Raum bekommt, wenn du dich bewusst und achtsam dafür entscheidest, mit wem und was du deine kostbare Zeit verbringen und füllen möchtest.