SORGEN UND ANGSTE NEUVERSTEHEN
Es vergeht wohl kaum ein Tag, an dem sie uns nicht zumindest ein bisschen begleiten - unsere altbekannten und doch so unverstandenen Sorgen und Ängste.
Wieso hat unser Geist die Tendenz, immer wieder in düstere Szenarien zu rutschen, und warum fällt es so schwer, mit einer leichten und positiven Perspektive durchs Leben zu gehen?
Als Antwort auf diese Frage werden oft evolutionäre Gründe genannt - und vermutlich spielt das tatsächlich eine Rolle im Ganzen. Vielleicht waren unsere ängstlichen Vorfahr*innen tatsächlich ein bisschen besser im Überleben als jene, die tendenziell vom Guten ausgingen
Andererseits kann man sich auch fragen, ob man damals angespannt und ängstlich wirklich so viel besser durchkam. Sicher ist, dass die evolutionäre Antwort auf die Frage, warum wir uns so viele Sorgen machen, zu oft so vorgebracht wird, als wäre damit alles beantwortet.
Den richtig spannenden Teil der Antwort finden wir aber nicht in Vermutungen über unsere evolutionäre Vergangenheit, sondern hier in der Gegenwart. Denn hinter den Sorgen und Ängsten, die uns im Alltag begleiten, liegen sehr klar verständliche psychologische Muster. Und diese zu verstehen, verändert alles.
Der wichtigste Punkt im Verständnis der psychologischen Muster hinter unseren Sorgen liegt im Erkennen, dass es zwar Auslöser (Trigger) im Aussen gibt, die Gefühle, die dann hochkommen, aber sehr viel mehr mit der Vergangenheit zu tun haben als mit dem aktuellen Geschehen.
Trigger-Momente gibt es Dutzende jeden Tag. Sie perforieren unsere emotionale Haut wie Akupunktur-Nadeln. Manche noch oberflächlich genug, dass wir sie wegstecken können, andere gehen tief unter die Haut - dorthin, wo es richtig weh tut.
Obwohl diese Gefühle mit der Vergangenheit zu tun haben, verbinden wir sie mit der Situation in der Gegenwart und reagieren dementsprechend. Wir fühlen uns den gegenwärtigen Ereignissen ausgeliefert, anstatt zu erkennen, dass dieses ausgelieferte Gefühl zu frühen Erfahrungen gehört.
Dementsprechend aussichtslos ist der Kampf darum, endlich in ein Leben zu finden, in dem nicht ständig etwas passiert, das einen wieder so aufwühlt. Denn was im Aussen passiert, liegt nur sehr begrenzt in unserer Kontrolle.
Wenn wir den Fokus stattdessen von den Ereignissen weg und zu den Gefühlen an und für sich richten und diese differenziert voneinander betrachten, sind wir an einem Ort, an dem echte und tiefe Veränderung möglich ist. Dann stellen wir fest, dass es immer dieselben inneren Zustände sind, in deren Bann wir immer wieder fallen. Zustände, aus denen heraus wir die Welt grau und unser Leben hoffnungslos sehen. Wo wir uns besorgt, verängstigt oder ohnmächtig fühlen. Wütend, traurig und beschämt.
Mit dem Verständnis, dass diese Gefühle verarbeitet werden möchten - und können -, wenden wir uns ihnen zu. Wir beginnen zu ergründen, woher sie ursprünglich kommen, und verstehen den Zusammenhang mit unserer Lebensgeschichte. Mitgefühl entsteht.
Anstatt uns über uns oder die Welt aufzuregen, anstatt uns Sorgen über alles zu machen und die Ängste mit der Gegenwart zu verweben, erkennen wir unser frühes Leid darin. Wir erkennen, dass wir Zuwendung und Halt brauchen, um es verarbeiten zu können, und beginnen, uns dies zu geben.
Jetzt, wo wir Gefühl und Trigger klar unterscheiden können, entsteht ein heilsamer Raum, in dem wir uns um die Gefühle kümmern können. Wo wir uns innerlich in den Arm nehmen können in unseren Sorgen und Ängsten, anstatt mit ihnen im aussichtslosen Schwarz der Hoffnungslosigkeit zu versinken.
Und das führt uns zurück in Verbundenheit. Wir verlieren die Angst vor uns selbst und unseren Gefühlen, und wir verlieren die Angst vor der Welt und ihren Akupunktur-Nadeln - weil wir verstehen, dass sie schon immer heilsam waren, diese Stiche. Dass es nur unsere Perspektive war, die sich ändern musste, um die Einladung zur Heilung anzunehmen.
Unser Verständnis des Lebens verändert sich. Wir beginnen zu erkennen, dass wir ihm vertrauen können - ihm und uns selbst. Ein Gefühl von Miteinander, von Teil-Sein eines grösseren Gefüges, öffnet sich uns. Und wir finden zurück in dieses Gefühl, ganz grundsätzlich gehalten und geborgen zu sein. Wir finden zurück ins Urvertrauen.