VIEL ZU FÜHLEN IST KEINE SCHWÄCHE
Für sensitive Menschen ist der Alltag in einer produktivitätsorientierten Welt oft überreizend. Für andere scheint es machbar, sich den ganzen Tag von einem Termin zum nächsten zu bewegen und dann abends noch Sozialkontakte zu pflegen - was einem das Gefühl vermitteln kann, einfach nicht resilient genug zu sein.
Hinzu kommt, dass Leistung in unserer Kultur sehr direkt mit Wert verknüpft wird. Je mehr ich leisten kann, desto mehr Wert bin ich. Das gilt für die Arbeit, für die Kindererziehung, den Haushalt und sogar für Freundschaften und Hobbys. Und wenn wir nicht leisten, was für andere normal scheint, ernten wir oft Unverständnis.
Das führt dazu, dass das Fühlen und Bewahren der eigenen Grenzen oft von klein auf gestört ist. Wir sind darauf konditioniert zu merken, was andere von uns erwarten, und versuchen dem dann so gut wie möglich gerecht zu werden. Und es geht sogar noch weiter! Denn die Stimmen unserer Kindheit, die uns damals dazu erzogen haben, über unsere Grenzen zu gehen, sind heute internalisiert. Sie sind zu unseren eigenen inneren Stimmen geworden, die uns ständig im Funktionieren halten - so selbstverständlich, dass wir das oft kaum noch merken.
Auf die Dauer ist das natürlich enorm erschöpfend - und so ist es nicht verwunderlich, dass viele sensitive Menschen dauerüberreizt und dauererschöpft sind. Das ist nicht nur anstrengend, sondern aus einem weiteren, sehr wichtigen Grund schade. Sensitive Menschen sind nämlich nicht weniger leistungsfähig, sondern mehr wahrnehmend als andere!
Das heißt, dass Menschen mit erhöhter Sensitivität neurologisch anders funktionieren. Insbesondere sind viele Wahrnehmungsfilter generell weniger stark aktiv. Das bedeutet, dass innere und äußere Eindrücke, die für andere ausgefiltert werden, bevor sie bewusst wahrgenommen werden, bei sensitiven Menschen bis ins Bewusstsein gelangen. Wo andere eine dickere Membran zwischen sich und der Welt haben, spürst du sie direkt - mehr Kontakt, mehr Eindrücke, mehr zu verarbeiten.
Als sensitive Person bist du deshalb nicht einfach weniger resilient und fragiler als andere Menschen, sondern du hast deutlich mehr Eindrücke zu verarbeiten. Dementsprechend wichtig ist es, das Leben so zu strukturieren, dass Raum dafür da ist.
Aber die schwächeren Wahrnehmungsfilter beziehen sich nicht nur auf äußere Eindrücke, sondern auch auf innere. Für Menschen mit erhöhter Sensitivität ist die Aufarbeitung von Themen und die Integration von Prägungen und Traumata deshalb besonders wichtig. Denn auch der innere Lärm lässt sich nicht einfach ausblenden.
Es ist deshalb genauso wichtig, die innere Welt in Ordnung zu bringen wie die äußere. Sich bewusst Raum zu schaffen, um frühe Prägungen zu erkennen und zu verarbeiten, innere Arbeit zu lernen und zu etwas Alltäglichem werden zu lassen, ist einer der großen Schlüssel zum Glück für Menschen mit erhöhter Sensitivität.
Was sind deine ersten oder nächsten Schritte, um das anzugehen? Es gibt nämlich keinen besseren Zeitpunkt, das anzupacken, als genau jetzt.